Firmenkunden

Land ohne Grenzen

An der Nordseeküste bringen Deutsche und Holländer ihre Region gemeinsam voran. Sie sind keine Konkurrenten um Touristen und Jobs – sondern Partner.

(Erschienen im GUT-Magazin der Sparkassen)

„Diese Piraten!“ Dieter Schröers Augen funkeln angriffslustig. Der Herr mit Schnauzbart saß gerade noch gemütlich hinterm Schreibtisch, hunderte Kilometer entfernt von den Freibeutern, hier in seinem Büro in der ostfriesischen Kleinstadt Leer. Doch jetzt stemmt er beide Hände auf die Tischplatte und lehnt sich weit nach vorn. Immerhin steuert er von hier seinen Kampf gegen die Piraterie vor dem Horn von Afrika. „Wir diskutieren gerade über sichere Zufluchtsräume auf den Schiffen“, sagt er: „Auch Stacheldraht an der Reling muss her.“

Mit „wir“ meint Dieter Schröer deutsche und niederländische Reeder, die sich zum „Maritimen Kompetenzzentrum“ (Mariko) zusammen geschlossen haben, aber auch Werften, Häfen und kleine Firmen gehören zum binationalen Verbund mit 350 Mitgliedsfirmen.

(Quelle: http://www.gutmagazin.dsgv.de)

Das Meer prägt das Leben im Landstrich um Leer. In der Stadt gibt es einen wichtigen Verein, dem Dieter Schröer übrigens auch als Vorsitzender dient, den Club der Reeder; immerhin werden von Leer aus 700 Schiffe rund um den Globus geschickt – die Stadt ist Deutschlands zweitwichtigster Reedereistandort nach Hamburg.

„Firmen bei Mariko verfolgen die gleichen Interessen“, sagt Dieter Schröer. „Das reicht von Überlegungen zum Schutz des Wattenmeeres bis zur Entwicklung neuer Schiffsantriebe, und ganz aktuell: Die Gefahr durch Piraten!“

Deutsche und Holländer arbeiten im Norden Hand in Hand, wo immer es geht. In Wirtschaft, Tourismus, Naturschutz und Kultur. Bereits 1977 wurde dazu der Zweckverband Ems-Dollart-Region (EDR) gegründet. Heute gehören ihm über 100 Städte, Gemeinden, Landkreise, Provinzen und Wirtschaftsverbände an. Der Verband arbeitet daran, dass die Staatsgrenze verblasst und aus der Wahrnehmung verschwindet. Die 2,8 Millionen Menschen zwischen Ostfriesland, Emsland, Groningen und Drenthe wissen, wie ähnlich sie sich sind. „Wichtig ist, den Blick auf das zu richten, was uns verbindet, nicht auf das, was uns trennt“, fasst Hermann Wessels das Grundanliegen in Worte.

Der EDR-Geschäftsführer hat sein Büro in einem gläsernen Haus fast exakt auf der Grenze im Örtchen Bad Nieuweschans. Gerade organisiert er eine Reihe von Workshops, in denen Kommunalpolitiker gemeinsam beratschlagen, wie angesichts einer schrumpfenden Bevölkerung die Dörfer ihre Schulen halten können.

In den Augen des Vorstandsvorsitzenden der Sparkasse LeerWittmund, Heinz Feldmann, hat der Verband „aus wirtschaftlicher Sicht viele Barrieren abgebaut und das Zusammenwachsen gefördert“. Die Bank und ihre Kunden hätten „aufgrund der unmittelbaren Nähe zu den Niederlanden ein hohes Interesse an einer grenzübergreifenden Kooperation“.

Auch die EU-Kommission in Brüssel hat die Vorteile der intraregionalen Zusammenarbeit in der Dollart-Ems-Region erkannt und fördert zahlreiche Projekte, wie zum Beispiel das deutsch-holländische Ausbildungsschiff „Naarden“.

Im Mai 2010 stach es zu einem Törn nach Südengland in See. „Bei der Fahrt sollte getestet werden, ob Nautiker beider Nationen gemeinsam ausgebildet werden können“, sagt Dieter Schröer. Das 46 Meter lange, ehemalige Minensuchboot wurde mit modernster Technik wie elektronischen Seekarten und einem automatischen Identifikationssystem ausgestattet. Die Fahrt legte Probleme offen: Die Prüfungsordnungen unterscheiden sich erheblich. In den Niederlanden wird mehr Theorie gelehrt, in Deutschland liegt der Fokus auf Praxiserfahrung.

Das Netzwerk der Seefahrer ist kein Selbstläufer. „Es gibt natürlich die Scheu, Firmeninterna mit Konkurrenten zu besprechen“, weiß Dieter Schröer. Unternehmer müssen überzeugt werden, dass sie gemeinsam stärker sind als jeder für sich.

Im Tourismus klappt diese vertrauensvolle Kooperation ganz gut. Zum Beispiel bei der „Internationalen Dollardroute“: Die 200 Kilometer langen Radwanderwege der Route führen rund um den Meeresbusen Dollart – auf Holländisch mit dem Buchstaben D am Wortende – dem Namensgeber der Region. Kleine Dörfer ducken sich hier entlang der Route hinter den Deichen, das Fahrgastschiff „Dollard“ pflügt durch die Bucht. Emden und die niederländischen Kleinstadt Delfzijl rücken damit näher, Radfahrer müssen nicht weiträumig um die Bucht herumstrampeln, sondern können sie bequem queren, um die Radtour im Nachbarland fortzusetzen.

Knapp 80 Kilometer weiter im Binnenland, am südlichen Zipfel der Ems-Dollart-Region, verknüpfen Deutsche und Holländer Tourismus und Naturschutz. Dazu stapft Erik Bloeming durchs Moor. Um ihn herum erstrecken sich Tümpel, Heidekraut sprießt. Bloeming, ein Mann von 40 Jahren, arbeitet an der Renaturierung im „Internationalen Naturpark Bourtanger Moor-Bargerveen“. Das Schutzgebiet wurde grenzüberschreitend gegründet und wuchs nicht aus zwei nationalen Parks zusammen.

Über Jahrhunderte hatten Menschen das Moor trockengelegt, „ein Knochenjob, dieser Torfabbau“, sagt Erik Bloeming. Jetzt darf die Natur die Flächen zurückerobern. „Das Hochmoor wächst wieder“, sagt er und lächelt. Er zieht eine Handvoll Moos aus dem seichten Wasser und wringt es aus wie einen Schwamm. Kontrolliert wird das Bargerveen überflutet, damit sich die typische Fauna aus Moosen und Gräsern ausbreitet. „Die Deutschen können von uns lernen, wie man Moore renaturiert“, sagt der Förster. Schließlich haben die Holländer Jahrzehnte früher mit dem Torfabbau aufgehört. Seither kehren Flora und Fauna zurück.

Bloeming führt immer häufiger Schulklassen und Naturfreunde durch Europas größtes Hochmoor. Zweisprachige Hinweisschilder klären über das Ökosystem auf. Von einem zehn Meter hohen künstlichen Aussichtshügel schweift der Blick weit über die Ebene. In gleich drei Museen können sich Besucher über die Geschichte des Moores informieren. Auf deutscher Seite zeigt das „Emsland Moormuseum“ in Geeste bei Meppen, wie Menschen das karge Land einst eroberten. Über zwei Millionen Euro Fördermittel sind durch die EDR für eine Ausstellungshalle geflossen. 150.000 Euro spendierte die Emsländische Sparkassenstiftung.

„Die Holländer waren bei der Besiedlung findiger und schneller“, sagt der Historiker Ansgar Becker. Mit ihrer Technik entwässerten und besiedelten sie das Moor früher als ihre Nachbarn. „Die deutsche Seite wurde quasi von Holland aus entwickelt“, sagt der Wissenschaftler. Landkarten an den Wänden des Museums spiegeln diese Entwicklungshilfe indes kaum wider. Holland bleibt als weiße Fläche ausgespart, als gäbe es dort weder Dörfer noch Straßen. Doch der Eindruck trügt. „Veen zonder Grenzen“ heißt es heute: „Moor ohne Grenzen“.

Mal Holland, mal Deutschland, für Jonathan ver Waal ist dieses stete Grenzgängertum normal. Der 17-Jährige wurde in Holland geboren und wuchs in Deutschland auf. Sein Vater arbeitet im niederländischen Groningen, seine Mutter im deutschen Leer. Kaum ist Jonathan ver Waal von der Schule heimgekommen, klemmt er sich seine Violine unters Kinn und übt den Part der Ersten Geige von Tschaikowskys Vierter Sinfonie. Das Musiktalent hat es wieder einmal in das Auswahlorchester „Junge Ems-Dollart-Philharmonie“ geschafft.

Das Orchester mit seiner jährlich wechselnden Besetzung wird von der EDR gefördert. 60 ausgewählte Jungmusiker zwischen 14 und 21 Jahren aus Deutschland und Holland spielen darin gemeinsam. „Dafür muss man schon etwas können“, berichtet Jonathan ver Waal von der Aufnahmeprüfung. Zehn Tage lang proben die Musiker, dann geben sie mehrere Konzerte, selbstverständlich auf beiden Seiten der Grenze.

„Es ist toll, in solch einem hochkarätigen Orchester zu musizieren“, sagt der Geiger. Seit seinem sechsten Lebensjahr spielt er Violine. Später möchte er Musik studieren. Ohne das grenzübergreifende Orchester, sagt er, wäre es für ihn schwieriger, sich musikalisch weiterzuentwickeln. „Auf dem Land gibt es zwar mehr Musiker als man denkt, aber die junge Ems-Dollart-Philharmonie fördert Talente besonders.“ An der intensiven Probephase, zu der sich die Musiker in eine Jugendherberge zurückziehen, liebt er die Gespräche mit Gleichaltrigen auf Niederländisch. „Orchestersprache ist dagegen leider Englisch“, bedauert ver Waal.

Es tut sich langsam nämlich ein neuer Graben auf: Immer weniger Schüler lernen die Sprache des Nachbarlandes. Das beobachtet auch Günter Gerjets. Gerade hockt der technische Leiter des Schiffssimulators „SusaNE“ in den Räumen des Mariko vor seinem Computerbildschirm, der eine Seekarten der Emsmündung zeigt. „Angehende Kapitäne der Fachhochschule Emden-Leer üben hier“, sagt er. Bald soll der Simulator mit einem Pendant in Holland zusammengeschlossen werden. „Unterrichtssprachen sind Deutsch und Englisch“, sagt er. „Kaum Niederländisch“. Ein weiteres Sprachenproblem: Das „Platt“ dies- und jenseits des Dollarts, das sich sehr ähnelt, sprechen immer weniger Leute.

Günter Gerjets zoomt sich an das Emssperrwerk Gandersum heran, weil er wissen will, ob das Kreuzfahrtschiff AIDAsol hindurchpasst. Das hat gerade die Meyerwerft in Papenburg, 40 Kilometer emsaufwärts, verlassen. Flink klickt er sich durch ein Auswahlmenü, schon erscheint das Bild eines ähnlich großen Schiffs. „Och, das hat Platz“, sagt Günter Gerjets, nachdem er das Boot virtuell durch die Schleuse geschoben hat.

Der Herr über SusaNE programmiert Wellengang und Strömung, er lässt Sturm aufbrausen und schickt Regen. „Die Illusion ist so perfekt, dass manche Schüler seekrank werden, obwohl sich der Boden nicht bewegt“, sagt er mit Stolz in der Stimme. Jetzt zaubert Günter Gerjets per Mausklick ein Flugzeug an den Himmel. „Vor simulierten Piraten aber“, sagt er und lacht, „verschone ich die Kapitäne“. Am niederländischen Ufer seiner virtuellen Küstenlandschaft stellt er ein paar Windräder hinter den Dollartdeich. Seine Fantasie überfliegt die Staatsgrenze mühelos, wie könnte es anders sein.


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