Impulse

Mittelständische Strahlemänner

(veröffentlicht 2009)

Der Atomausstieg ist abgeblasen. Vor kurzem noch totgesagt werden die Kernkraftwerke weiter für die Konzerne Milliardengewinne abwerfen. Doch auch der Mittelstand ist in der Nukleartechnik und in den Meilern zuhause – und setzt auf Atomkraft als Business.

 Höllisch, dieser Ort. Ein Geruch von verbranntem Harz und Schwefel beißt in der Nase, die Luft ist stickig warm, schwarzer Sand bedeckt den Boden der Fabrikhalle.

In meterhohen Kübeln brodelt geschmolzenes Metall, 1330 Grad heißer Sphäroguss. „160 Tonnen“, sagt Wolfgang Steinwarz, und man merkt dem promovierten Physiker die Faszination an: „160 Tonnen aus drei Pfannen – und die Temperaturdifferenz darf höchstens 20 Grad betragen!“

Die Kessel mit ihrer glutroten Fracht neigen sich, es zischt leise, die Schmelze aus Gusseisen und Kugelgraphit fließen in eine Form, im Sand aus Madagaskar eingegraben – ein neuer CASTOR-Behälter entsteht. Noch zwei Tage später wird er 200 Grad heiß sein.

Seit 1980 hat die Firma Siempelkamp in Krefeld fast 600 Rohlinge des CASTORS gegossen. Außerdem weit über 5000 kleinere MOSAIK-Behälter produziert. Alles im Auftrag der Gesellschaft für Nuklear-Service mbH in Essen, deren Hauptanteilseigner E.ON und RWE sind.

Für Kernenergie und Kerntechnik stehen in Deutschland die vier Energieversorger, deren Meiler das Stromnetz mit Energie füttern: RWE, E.ON, EnBW und Vattenfall Europe. Im Milliardenpoker spielen auch Konzerne wie Siemens, Areva S.A. aus Frankreich und Westinghouse aus den USA mit.

Doch würden nicht täglich ungezählte mittelständische Strahlemänner Hand anlegen, lägen die Kraftwerke still, ja wären sie nie gebaut worden. Unter den Firmen finden sich Dickfische mit tausenden Mitarbeitern in aller Welt und hoch spezialisierte 20-Mann-Betriebe.

Kernkraft ist für sie Business. Doch Zahlen, wie stark der Mittelstand mit der Atomindustrie verwoben ist, sucht man vergeblich. Wie viele Leute arbeiten in den so genannten Fremdfirmen? Wie viel Geld setzen sie um? Nicht mal Schätzungen gibt es.

Das Bundeswirtschaftministerium ist in der Hinsicht ahnungslos, beim Deutschen Atomforum will man die Daten erheben, fürchtet dabei methodische Probleme: Selten haben sich Firmen gänzlich der Kerntechnik verschrieben, häufig arbeiten Nuklear-Experten neben Fachleuten für Kohlkraftwerke, Windenergie, Automobilindustrie oder Strahlenmedizin.

Zwar erhält der Ausstieg aus dem Atomausstieg Arbeitsplätze in der Branche, doch auch das Abschalten braucht Spezialisten: Viele Firmen sind bei der Stilllegung gleichermaßen gefragt.

Das ist beim unbekannten Giganten Siempelkamp nicht anders. „Wir haben auch im Stilllegungsgeschäft Meriten“, sagt der Geschäftsführer der Nuklearsparte, Wolfgang Steinwarz, und verweist auf die eingemotteten AKWs Greifswald, Stade und Würgassen und die Wiederaufbereitungsanlage Karlsruhe. In Krefeld trennt eine Schmelzanlage gleich neben der Gießerei radioaktive Teilchen aus kontaminiertem Metall.

Doch der Katalog dessen, was Siempelkamp Nukleartechnik herstellt, liest sich wie ein Baukasten für ein Kernkraftwerk: Materialschleuse, Lademaschine für die Brennelemente, Traversen für den Reaktordeckel und Kerneinbauten, Kran im Reaktorgebäude, Abfallkonditionierungsanlage. Man versteht nur zum Teil, wozu die Teile gut sind. Sicher ist: Sie sind groß, stecken voller Know-how und bescheren millionenschweren Umsatz.

Seine Wurzel hat Siempelkamp freilich in einer Branche, in der Risiko gänzlich anders buchstabiert wird als in der Kerntechnik: In der Mode. Ein Bügeleisen im Industriemaßstab sorgte vor mehr als einem Jahrhundert für ersten Glanz – auf Seidenstoffen.

130 Kilometer nördlich von Krefeld, an der Grenze zu Holland, liegt das Westfalenstädtchen Gronau. Zum Zwischenlager Ahaus sind es 20 Kilometer. Im Industriegebiet pocht unhörbar ein Herzstück der deutschen Atomindustrie: die Urenco Deutschland GmbH. In der stacheldrahtbewehrten Anlage wird Uran angereichert, so dass es als Brennstoff taugt. Eine zweite Atomfabrik dieser Art gibt es in Deutschland nicht.

Seit 1985 rotieren bei Urenco die Zentrifugen, ihre genaue Anzahl ist geheim. Sie treiben die Konzentration des begehrten Uran-Isotops 235 von unter einem Prozent auf bis zu fünf Prozent hoch. 2260 Tonnen Uran verarbeitet Urenco im Jahr, mit steigender Tendenz, denn die Anlage wird gerade erweitert.

Die Tätigkeit von Urenco erfreut die Kommune mit Steuereinnahmen und die Kicker von „Vorwärts Epe“ und „Vorwärts Gronau“ mit Sponsorengeld.

Doch die Firma wurde jüngst scharf kritisiert, weil sie 27.300 Tonnen hoch toxisches, abgereichertes Uranhexafluorid nach Sewersk in Russland exportiert hat. Dort lagert das Gift in Stahlfässern unter freiem Himmel.

Heftig streiten sich die Geister, ob die Lagerung sicher ist oder leichtsinnig, ob der Stoff einen Wert hat oder als Müll teuer entsorgt gehört. Im August ging der letzte Transport gen Osten, jetzt wird das Material in Gronau „bis zur weiteren Verwendung zwischengelagert“, so die Unternehmenssprecherin Antje Evers.

Von Gronau aus führt der Weg des Urans auch unter normalen Umständen in alle Welt: Ein Teil des angereicherten Urans verlässt die Fabrik mit dem Ziel Atomgroßmacht Japan, ein anderer Teil wird nur 50 Kilometer weit nach Lingen geliefert.

Dort sitzen, etwas versteckt im Wald, die atomaren Pillendreher der Advanced Nuclear Fuels (ANF) und montieren Brennelemente.

Im Wachhäuschen hat ein Securitas-Mitarbeiter seine Sammlung an Miniatur-LKW aufgereiht. Besucher werden über Strahlenbelastung aufgeklärt und bekommen ein Dosimeter umgehängt. 0,00 Millisievert zeigt es an.

In der Fabrik stapft Werksleiter Andreas Hoff seinem Besucher voran, vorbei am Holzregal mit den Dosimetern der Mitarbeiter und sticht in der hellen Werkshalle freudig auf ein schmales Metallteil zu, das von der Decke hängt. Quadratisch der Grundriss, nicht größer als eine LP-Hülle, sechs Meter lang, blitze blank. „Das“, sagt Hoff fast weihevoll: „ist ein Brennelement für einen Druckwasserreaktor.“ Der Arbeiter in Arbeitsschuhen, der das Element zum Verpacken bringen will, schaut gelangweilt drein.

In einem Film würde jetzt sirrende Musik erklingen, um unsichtbare Gefahr zu signalisieren. Ein Brennelement – und ein Tölpel könnte mit der Nase dranstupsen. „Eine Million Euro, circa“, sei es wert, gefüllt mit 500 Kilo Uran, sagt Hoff.

Vermummte Gestalten findet man in der gesamten Fabrik nicht. Wo das angelieferte Uranhexafluorid in Urandioxid-Pulver umgewandelt wird, tragen die Mitarbeiter zwar weiße Overalls und Handschuhe, können das Uran jedoch berühren. „Der Stoff wurde ja noch nicht bestrahlt“, erklärt Hoff.

Bei der Montage der Stäbe zu Brennelementen sind Jeans und Karohemden erlaubt. In Tablettenform gepresst, wird der Brennstoff in lange Metallrohe gefüllt. Diese werden mit Tragstrukturen, Fuß- und Kopfteilen zusammengesteckt.

„Wir bearbeiten das Uran der Energiekonzerne treuhänderisch“, erläutert ANF-Geschäftsführer Oskar Kunkel. Jährlich 650 Tonnen Uran sind atomrechtlich genehmigt. Seit Produktionsbeginn vor 30 Jahren wurden 27.867 Brennelemente mit 4,8 Millionen Brennstäben bestückt und für Kraftwerke in Deutschland und das europäische Ausland in Spezialcontainer verpackt. Klein steht darauf geschrieben: „Radioactive Material. Low Specific Activity“.

Kunkel hat ein Herz für die Region. Löhne und Gehälter, Steuern, Ausgaben für Dienstleistungen, insgesamt 40 Millionen Euro schütte die Fabrik jährlich über das Emsland aus, rechnet der hagere Mann vor.

Die Brennelement-Schmiede ANF gehört zur AREVA NP mit Sitz in Erlangen. Noch ist Siemens beteiligt. Die Franken legen einen Höhenflug hin, dass einem schwindelig wird. Von Renaissance der Kernenergie wollen sie nichts wissen – Atom sei nie tot gewesen.

Aufwärts, Brüder, zur Sonne: der Umsatz kletterte zwischen 2007 und 2008 von 817 auf 878 Millionen Euro. Dabei machten die jetzt 5200 Mitarbeiter 62 Prozent des Umsatzes in Deutschland, wo der Atomausstieg beschlossene Sache war. Zukünftig dürfte der Auslandanteil steigen, falls angekündigte Neubauprojekte Wirklichkeit werden – daran will man in sämtlichen Winkeln der Welt mitmischen.

Pressesprecher Christian Wilson zeigt gern, dass sich sein Arbeitgeber zur Weltelite zählt: Olkiluoto III! Die Baustelle eines Druckwasserreaktors in Finnland. Der erste Neubau in Westeuropa seit einer gefühlten Ewigkeit und somit Vorzeigeprojekt der wiedererwachten Branche, wird von der französischen Firmenmutter bewerkstelligt. Doch auch das deutsche Kind baut eifrig mit.

Das Bild wird indes getrübt, weil die Kosten explodieren, Gerichte bemüht werden. Zuletzt haben die Atomaufsichtsbehörden von Finnland, Frankreich und Großbritannien gemeinsam dem Reaktor Sicherheitsmängel angekreidet.

Damit Areva NP kein Unbekannter bleibt, prangt der Schriftzug auf der Brust der Profikicker vom 1. FC Nürnberg. Werbung für die Atomindustrie im Fußballstadion? Scheinbar kein Problem.

Teure PR-Kampagnen für die Branche sind in Lingen überflüssig. In der Stadt, umgeben von ausgedehnten Äckern und Wäldern, hat Kernkraft Tradition. Eines der ersten AKWs der Nation wurde hier errichtet, längst ist es stillgelegt. Seit April 1988 schickt, nur wenige hundert Meter von ANF entfernt, das Kernkraftwerk Emsland seine Kühlwasserwolken in den Himmel. Haupteigner ist die RWE Power AG.

Man kann bewundern, dass aus der kleinen Kuppel Strom für 3,5 Millionen Haushalte fließt, man kann es auch beängstigend finden: Ist ein so energiesprühender Gnom beherrschbar?

Im Normalbetrieb gehen Mitarbeiter zahlreicher Firmen ein und aus. „Zu den 370 RWE-Mitarbeitern kommen täglich 270 weitere Leute“, sagt Ansgar Marx, Leiter des Controllings und damit Herr der Zahlen. Aufträge für zwölf Millionen Euro gehen Jahr für Jahr an Firmen in der Region, auf ganz Deutschland gerechnet vergibt das Kraftwerk inklusive der Revisionen Aufträge für bis zu 70 Millionen.

Zum Beispiel an Maler Wolfgang Wehlage im nahen Lengerich. „Im Kraftwerk wird ständig renoviert und saniert“, sagt der Handwerker. Das reicht vom Verlegen neuer Teppichböden in Büros bis zum Spezialanstrich in der Reaktorkuppel. Seine Leute wurden von der Polizei durchleuchtet und von Experten geschult, was es heißt, im Kontrollbereich einer kerntechnischen Anlage zu arbeiten. „Wenige sagen: Nein, da will ich nicht hin“, versichert Wehlage.

Rund um die Uhr war das Atomkraftwerk Emsland am Netz. Lediglich im Juni stand der Meiler zur jährlichen Revision drei Wochen still. Wobei Stille falsche Assoziationen weckt.

1709 Ingenieure und Monteure stürmten das Werksgelände, um 3088 Arbeitsaufträge zu erledigen; 1000 Mann mehr als sonst. Sie unterzogen den Generator genauso einer Inspektion wie die Hauptkühlwasserpumpe. Sie überprüften den Reaktordruckbehälter  und tauschten 48 der 193 Brennelemente aus. Außerdem wurden Teile des Kühlturms saniert.

Für die Stromkonzerne ist es unrentabel, zu viele Spezialisten an Bord zu haben. Diese hätten nur während der Revisionen Arbeit, weil sie selten genutzte Maschinen bedienen oder besondere Schweißtechniken beherrschen. So rücken beispielsweise Pumpenspezialisten der Herstellerfirma an, weil die am meisten Ahnung von ihren Geräten haben. Ingenieure und Physiker tingeln wie eine Karawane von Kraftwerk zu Kraftwerk, immer dorthin, wo ihr Wissen für ein paar Tage gebraucht wird.

„Die Konzerne haben den Spezialisten das Feld überlassen“, sagt Peter Dorn, Geschäftsführer der Kraftanlagen Heidelberg GmbH. Das Know-how seiner Kollegen im Strahlenschutz, bei der Berechnung von Rohren und im Schweißen sei allerdings so gefragt, dass die Firma feste Niederlassungen in Kraftwerken unterhält. „Kaum ist eine Revision rum, planen wir schon für die nächste.“

Für Rabattkönige seien seine Kollegen freilich nicht zu haben. „Fremdfirmen sind keine Subunternehmer“, unterstreicht der Heidelberger. Sie hätten Spezialwissen. „Wir werden nicht beauftragt, weil wir billiger sind.“ Sondern immer auf dem neuesten Stand der Wissenschaft.

Dort sieht sich auch Siempelkamp-Physiker Wolfgang Steinwarz. Er  grübelt über den GAU! Ein Kraftwerk explodiert nicht, belehrt der Experte: es schmilzt. „Man muss die Schmelze auffangen, bevor sie in die Umwelt gelangt“, schlussfolgert er: „Eine Pfanne bauen, einen Core Catcher.“

Zehn Jahren lang hat er mit einem Siempelkamp-Team getüftelt und experimentiert, 18 Forschungseinrichtungen ins Boot geholt. Jeden Brückentag haben sie durchgeschuftet, um die Schmelzöfen auf 1350 Grad hochzujaulen. Manchmal fürchtete er, furchtbar viel Geld in den Sand gesetzt zu haben – bis der Auftrag aus Finnland kam.

Im Neubau Olkiluoto 3 haben die Nuklearexperten aus Krefeld ihren ersten Core Catcher eingebaut – in einer Baustelle der Konzerne Areva und Siemens.

Mit Stolz in der Stimme sagt Steinwarz: „Unser Familienunternehmen hat die Millionen in die Entwicklung investiert.“ Kein Konzern.

Mathias Rittgerott

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