GEOlino

Prügel gehörten zum Alltag

Aphadhar hat sich auf den Straßen von Kigali durchgeschlagen. Er war von seinem Vater weggelaufen, weil der ihn oft verprügelte. Jetzt lebt er im Kinderheim und es geht ihm gut.

Aphadhar Cyubahiro reicht es, er haut ab. Er stibitzt seinem Vater 1.500 ruandisch Franc, etwas mehr als zwei Euro. Mit dem Bus und dem Sammeltaxi fährt er in die Hauptstadt Kigali. Fast vier Stunden ist er unterwegs. Ein Ziel hat er nicht, er will bloß weg vom Hunger und den Schlägen daheim. In Kigali findet der 14-Jährige schnell eine Gruppe Straßenkinder, der er sich anschließt. Gemeinsam klauen sie Kochbananen von Lastern und verkaufen sie. Das Geld reicht für Essen und Klebstoff zum Schnüffeln. „Wenn man Kleber riecht, hat man nicht mehr so viel Hunger.“ Die Jungen schlafen auf der Ladefläche von Pickups. Oft werden sie verprügelt und weggejagt. „Doch das Leben auf der Straße war besser als bei meinem Vater“, sagt Aphadhar.

(Quelle: Screenshot)

Denn der Vater Voilens hatte ihn oft verprügelt, wenn er betrunken war. Auch die Nachbarn hatten ihn verhauen, wenn sie ihn erwischten, wie er Obst mopste. Dabei hatte der schmächtige stille Junge dann bloß Hunger. Seine Familie war arm, der Vater ohne Arbeit. Als Aphadhar sechs Jahre alt war, starbt seine Mutter. Eine Familie, die ihn behütet, erlebte er nie.

Oft schwänzte Aphadhar die Schule. Entsprechend schlecht waren seine Noten. Doch das war ihm egal, er kickte lieber mit Freunde. Den Fußball aus Bananenblättern brachte er mit, er war sein einziges Spielzeug. Sein Heimatdorf Ngororeo liegt im Nordwesten Ruandas. Die Straßen sind aus roter Erde und voller Schlaglöcher. Auf den Hügeln werden Bananen und Hirse angebaut und in den Tälern wächst Reis. Die Hütten wurden zumeist aus Lehm gebaut und tragen Dächer aus Stroh. Aus Aphadhar, dem Jungen vom Land, ist ein Straßenkind in der Stadt geworden. Im Februar fangen ihn Polizisten ein. Sie bringen ihn zum Kinder-heim von FIDESCO. Unicef unter-stützt deren Arbeit mit Geld, zuletzt stiftete Unicef zwei Geländewagen.

In den ersten Wochen im Heim denkt Aphadar oft daran, wegzulaufen. Mit elf Jungen muss er sich ein Zimmer teilen. Erwachsene sagen ihm, dass er den Boden putzen, Geschirr abspülen und seine Wäsche waschen soll. Solche Regeln einzuhalten ist er nicht gewohnt. Doch Aphadar lebt sich ein und findet neue Freunde. Seinen eigenen Ball aus Bananeblättern hat er zwar verloren, dafür gibt es im Heim richtige Bälle aus Leder. Er kann ihn zehn, zwölf mal in der Luft jonglieren, obwohl er nur Badelatschen an den Füßen trägt. Viel mehr als die Schuhe besitzt er nicht. Die drei T-Shirts, drei Shorts und seine blaue Schuluniform bewahrt er in seinem hölzernen Schließfach auf. Dort liegt auch sein Schulheft. Aphadhar hat sich zu einem guten Schüler gemausert. „Very good“ hat sein Lehrer unter seine Hausaufgaben geschrieben. Aphadhars Lieblinsfach ist Englisch. Unterricht in seiner Muttersprache Kinyarwanda mag er nicht so sehr. „Die Schrift ist kompliziert.“ Später will er studieren und Arzt werden, falls das nicht klappt Polizist.

Heute ist ein besonderer Tag für Aphadhar. Er kommt um 12:15 Uhr aus der Schule und hockt sich im Speisesaal zu den anderen Jungen. Zeit zum Herumalbern hat er nicht. Er schöpft weißen Maisbrei und rote Bohnen auf seinen Teller und isst mit dicken Backen. Hinterher spült er schnell seinen Teller ab. Er ist aufgeregt. Zusammen mit seinem Freund Hassan wird er seine Schwester Christine besuchen. Sie ist verheiratet und wohnt ebenfalls in Kigali. Es ist sein erster Besuch bei ihr, FIDESCO hat die Schwester überredet, mit dem Jungen zu sprechen. „Ich würde lieber bei ihr leben statt zurück zu meinem Vater zu gehen“, sagt Aphadhar. Wenn es genug zu Essen und keine Schläge gibt, werde er nicht abhauen, verspricht er.

Interview mit Elie Ntibwirizwa. Er leitet ein Heim für Straßenkinder in Kigali:

Warum gibt es Straßenkinder in Ruanda?

„Viele Familien sind arm. Trotzdem haben sie fünf oder mehr Kinder. Die Kinder wollen vor der Armut fliehen und hauen ab. Oft kommt Gewalt in der Familie dazu. Nur wenige Straßenkinder sind Waisen.

Wie hilft FIDESCO mit ihnen?
Wir nehmen die Kinder in unser Heim auf. Ziel ist, dass sie zu ihrer Familie zurückkehren. Dazu suchen wir die Familie und fragen, warum das Kind weggelaufen ist. Spätestens nach einem Jahr sollte jedes Kind wieder in der Familie sein.

Was tun Sie, damit die Kinder nicht erneut weglaufen?
Es hilft nichts, die Kinder einfach zu ihren Eltern zurückzubringen. Wir müssen etwas gegen die Armut tun. Wir planen, Familien Ziegen oder Hasen zu schenken, die sie züchten können. Wir wollen ihnen helfen, Tomaten zu verkaufen und damit Geld zu verdienen.

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