Manchmal ist die Größe doch wichtig

„Was ist denn jetzt los? Die Ziffern stehen Kopf! Ist das neuerdings so? “ „Sie halten Ihren Arm falsch“, sagt die nette Dame, die sich neben mich geschoben hat, und dreht mein Handgelenk zu meinem Körper hin. Tatsächlich, mit ein bisschen Hilfe kann ich die Armbahnuhr lesen: 13:53 steht auf der Digitalanzeige. Ich bin 43 Jahre alt und man muss mir helfen, die Zeit zu erfahren. So weit ist es gekommen.DSC_9656

Es ist Samstag, ich bin auf der „Internationalen Funkausstellung“ in Berlin. Das Messegelände unterm Funkturm ist so groß, dass Pendelbusse zwischen den Hallen fahren. Alle Großen der Unterhaltungsbranche sind hier. Nur ein Dickfisch fehlt, wie auf anderen Technikschauen: Apple. Die Firma hat’s offenbar – anders als Samsung – nicht nötig, ihre Nase zu zeigen.

Ich bin der Herde der Besucher gefolgt und habe unversehens die „Galaxy Gear“ von Samsung umgeschnallt. Kaum habe ich ein paar Fotos des Hightech-Geräts geschossen, da stellt sich die Dame an meine Seite. Sie ist nachsichtig mit mir.

Ich lerne, wie ich mit der Uhr telefoniere, Fotos mache, zehn sekündige Videos aufzeichne. Ich lerne, dass der Chronograph ohne Galaxy in Bluetooth-Weite dumm ist wie eine Rolex. Ich streiche über den Bildschirm und taste mich durch die Menüs. Hinter mir wird ein Junge nervös, er will die Uhr ausprobieren. Am liebsten würde er sie mir vom Arm reißen. Um mich herum machen Besucher mit ihren Handys und Tablets Fotos der Uhr.DSC_9593

Ich frage mich, ob ich das Ding haben möchte. Es ist hässlich. Die klobige Uhr würde mich zwingen, ständig ein Galaxy Smartphone mit mir herum zu tragen. Da gehe ich lieber weiterhin ohne Zeiteisen am Arm durchs Leben.

„Will ich das? Brauche ich das?“ Diese Frage geht mir auf der Funkausstellung ständig durch den Kopf. Sie ist meine Begleiterin. Sie ist wie ein technikskeptisches Teufelchen, das auf meiner Schulter sitzt und Reibach der Konzerne wittert. Diese Haltung mag in meiner Erziehung verankert sein. Mein Opa hielt Farbfernsehen für Geldmacherei.DSC_9700

Aber muss mein Fernseher tatsächlich „smart“ sein? Schlauer als ich dummer Kerl auf dem Sofa, der entmündigt wird, weil die Glotze besser weiß, was er will? „Smart“ ist das Schlüsselwort der Messe. Es wird als Verheißung angepriesen: Mit dem Fernseher gehe ich ins Internet, ich skype über die Glotze, schaue dort YouTube-Videos, zeige Urlaubsfotos, höre Musik, ziehe mir Hollywoodstreifen rein. Vieles davon liegt irgendwo in der „Cloud“, womöglich in den USA.

Ich kann mit einer dynamischen Handbewegung Fotos vom Tablet auf den TV-Bildschirm werfen oder auf einem Zweitgerät Bezahlprogramme sehen, die auf dem Erstgerät laufen. Ein Szenario dafür könnte sein, dass die Gattin im Schlafzimmer eine Sendung anschaut, während der Göttergatte das selbe im Wohnzimmer tut.DSC_9778

Was Fernsehstationen senden gerät in dieser wunderbaren Fernsehwelt zur Nebensächlichkeit. Doch „smarte“ TV verkaufen sich wie warme Semmeln. Alle großen Hersteller machen bei dieser Art der Aufrüstung mit.

Hunderte Fernseher flimmern in den Messehallen. Wobei Flimmern das falsche Wort ist. Die Bilder sind gestochen scharf. Die Hersteller bejubeln „World’s first 4k OLED TV“ ,  „World’s first curved LED TV“, „World’s first curved UHD TV“ oder schlicht „The world’s largest“.DSC_9807

Allenthalben treffe ich auf das Kürzel 4k, was selbstverständlich Englisch ausgesprochen wird. Die Bezeichnung Ultra-HD geht auch. Beides steht für eine nie gesehene Auflösung. Auf Bildschirmen sehe ich riesige Schlangen, friedliche Gorillas, zauberhafte Landschaften. Dies alles farbenfroh und brillant. Welche vier- oder fünfstelligen Summen die Firmen aufrufen, will ich gar nicht wissen. Mir genügt: Zu teuer, mein Lieber.

Bei Panasonic bleibe ich stehen und gucke gebannt auf die Monitorwand. Davor fläzt sich ein Mitarbeiter der Firma vor einem Fernseher im Sessel. „My home screen“ steht an die Wand geschrieben, wobei die Betonung auf My liegt.DSC_9687

Eine Kamera am Fernsehgerät hat längst erkannt, wer da sitzt, und hat die Mattscheibe so sortiert, wie das Herrchen es bevorzugt. Seine Lieblingsprogramme hat der TV ausgewählt, sein Skype-Account geöffnet, die Favoriten unter seinen Apps geöffnet.

Der Panasonic-Mann erzählt mit schnellen Worten: Wenn mir meine Frau eine SMS auf den TV-Bildschirm schickt, ich solle die Verabredung am Abend nicht vergessen, und ich sie vergessen habe, kann ich zuerst mit meiner Lieben skypen, wobei ich sie auf dem TV-Bildschirm sehe, dann am TV-Bildschirm eine Pizzeria suchen, gleich einen Tisch reservieren…. Das alles könne man, ohne sich aus dem Fernsehesessel zu erheben. Allerdings empfiehlt der schlaue Fernseher während der Berliner Vorführung ein Restaurant in Brooklyn, New York. Nicht gerade schlau, denke ich und kichere innerlich.DSC_9737

Trotzdem: Das sieht schon toll aus! Manches davon ist praktisch, dazu leicht zu finden, Stimme und Fernbedienung ein super Gespann. „Was sie alles machen“, würde mein Vater sagen und mit „sie“ Konzerne meinen. Da ist wieder diese Frage: Brauche ich das? Oder soll ich es brauchen müssen, weil Ingenieure es erfunden haben? Natürlich: Die meisten Besucher kommen wegen der Fernseher zur Messe. Aber wer will so ein Gerät wirklich haben? Und wer würde all das nutzen, was ein Gerät kann? Warum nicht einfach vor der Glotze fernsehen?

Selbstredend darf ein smarter Fernseher nicht klein sein. Größe zählt. 55 Zoll verdienen das Etikett „gigantisch“ nicht mehr. Die Wände voller Bildschirme erinnern mich an Mediamarkt. So würde ich mich dort fühlen, wäre ich ein Zwerg. Je größer die Glotzen sind, umso kleiner bin ich mich.DSC_9647

Manch Revolutionäres ist am Rande ganz klein und gut versteckt, Manches ist gar unsichtbar, weil es sich um Soft- statt Hartware handelt. Da ist beispielsweise die Firma Flinc. Die Mitfahrzentrale vermittelt nicht nur Fahrten von A nach B, sondern auch von C nach B. Benjamin Kirscher, der Firmengründer, läuft im T-Shirt auf und ab, als er auf dem Podium von „MotorBlog Talks“ erklärt, wie Flinc funktioniert. Ein wenig erinnert er an Mark Zuckerberg.

Neuerdings arbeitet Benjamin mit dem Navi-Hersteller Garmin zusammen. Das Gerät zeigt Autofahrern sogar während der Fahrt, wenn jemand am Rande der Strecke kurz entschlossen eine Mitfahrgelegenheit sucht. Wie lange dauert der nötige Umweg? Wie hoch wird der Obolus sein, den der Fahrgast an ihn entrichten muss? All diese verrät das Gerät. Toll ist, dass weder Fahrer noch Mitfahrer Gebühren bezahlen müssen.DSC_9452

Endlich entdecke ich etwas, was mir viel Geld gespart hätte: Der Rettungsbeutel für Handys, die ins Wasser gefallen sind. Die Dame am Messestand lächelt mitfühlend, als ich ihr erzähle, dass meine Tochter jüngst ihr Samsung im Klo versenkt hat. Natürlich war es kaputt. Der EVAP hätte es vielleicht gerettet. Warum auf der Packung ein blaues Kreuz prangt, erklärt die Dame schlüssig: „Der Beutel ist der Erste-Hilfe-Kasten fürs Handy.“ Jeder solle solch ein Säcklein daheim haben. 24 Stunden lang in Silikon und ein Granulat gepackt und das Handy ist wieder trocken. Eine feine Sache für die Schussel unter uns.

Leider steht kein Aquarium bereit, in das ich testhalber mein Smartphone werfen könnte. Ich hätte es gewagt. So bekomme ich zwei EVAP in die Hände gedrückt. Ich darf sie daheim ausprobieren. Wahrscheinlich schenke ich eines meiner Tochter.

Unvermittelt lande ich bei den Herstellern von Haushaltsgeräten. Kühlschränke sind „smart“, Herde sind „smart“, Waschmaschinen auch. Ich streife durch die Reihen und will eigentlich nur raus hier. Da steht er vor mir: Der „Meistertrockner“ der „edition FC Bayern München“. Auf dem Knopf, mit dem das Trockenprogramm gewählt wird, prangt das Bayernlogo. „Gibt es auch eine Bayern-Waschmaschine“, frage ich einen Berater von Siemens, der sich zu mir gesellt. „Damit es der Zeugwart schafft, die Trikots der Mannschaft in der Halbzeitpause zu waschen.“ Der Mitarbeiter guckt mich verständnislos an und sagt, dass er für Bügeleisen zuständig ist. Ich behellige ihn nicht mit weiteren Fragen.DSC_9743

Da höre ich eine bayerische Stimme, die von Vitaminen doziert. Sie gehört Fernsehkoch Alfons Schuhbeck. Gerade war er noch mit dem Handy am Ohr zwischen Geschirrspülern und Waschmaschinen herumstolziert. An seiner Brust prangt das Logo der Bayern. Der Satzfetzen „habe einen Vertrag“ war deutlich zu hören. Der Koch ist Geschäftsmann. Jetzt rührt er wieder in Töpfen.

Zwischen allerlei Kaffeeautomaten köchelt Spitzenkoch Wolfgang Müller ein Selleriesüppchen, für das er Kaffee verwendet. „Der hat einen schönen Nachhall“, sagt er. Als ich ihm erzähle, dass ich unsmart koche, indem ich zusammenrühre, was ich im Kühlschrank finde, sagt er lässig: „Ist doch ok, wenn’s schmeckt.“ An der „Tagesbar“ schüttelt ein Team von Promi-Wirt Charles Schumann Cocktails. Passionsfrüchte, Gurken, Ingwer wirft Flinn Spinney in die Gläser. Seinen „Zuma“ trinken die Gäste am liebsten. Gestern hat er insgesamt 1.200 Drinks ausgeschenkt. Trotzdem: Die IFA ist keine Fress- und Pichelmesse. Versucherle gibt es kaum, Müllers asiatische Hühnerbrüstchen machen auch nicht satt.DSC_9812

Als ich sehe, dass sich in einer Kaffeemaschine Persönlichkeitsprofile speichern lassen, wer im Haushalt Espresso, wer Latte und wer Cappuccino trinkt, wird wieder diese Frage laut: Brauche ich das? Brauche ich einen Backofen mit Voicecontrol? Muss mein Smartphone den Einkaufszettel schreiben, sobald ich mich online für ein Kochrezept entschieden habe, wobei das Telefon beim Kühlschrank nachfragt, was drinnen ist? Kochen hat doch eine sinnliche, eine kreative Komponente. Geht die verloren?

Als ich einen Toaster erspähe, der mit einem Sensor den Bräunungsgrad misst, weiß ich: Nix wie weg!

Bei Motörheadphones geht’s mir wieder gut! Dort lagert ungeöffnete Weinflaschen im Kühlschrank, deren Etikett das Emblem der Rockband zeigt. Ein Schlagzeug wurde aufgebaut. An den Wänden hängen Fotos von Heavy- und Metall-Stars, eine Art Wall of Fame. Musik von  „Motörhead“ dröhnt. „Gibt’s hier Livemusik“, frage ich. Leider nein, sagt Anders Nicklasson. In Las Vegas hatte sich Band-Ikone Lemmy mit den Kopfhörern gezeigt – aber auch nicht musiziert.

Heavy-Metall-Kopfhörer, als ich das sage, reagiert Anders angesäuert. Die Geräte seien für jede Art Hand gemachter Musik gedacht, die einen satten Bass braucht, dynamisch ist, kurz: die reinhaut.

Deshalb würde Motörheadphones nie Portraitzeichner engagieren, die Besucher mit Kopfhörern zeichnen. Das überlässt man Sennheiser und Marley, wo entspannter Reggae läuft.

Bei so viel guter Laune kommt „Brick“ gerade recht. Ein Plastiktelefon wie aus der Handy-Steinzeit. Groß wie ein Backstein, allerdings leichter. „Ein iPhone ist kein Statement mehr. Hat ja jeder“, sagt Sarrah Ahmed. Dieser Brocken sorgt für Aufmerksamkeit. „Manchmal ist die Größe doch wichtig“, sagt Sarrah augenzwinkernd und ruft mir ein „Living life larger“ nach.

Auf dem Rückweg von der Messe Richtung Hauptbahnhof halten mich die bunte Welt großer, smarter Fernseher, der Handy-Rettungsbeutel und der FC Bayern-Wäschetrockner noch in ihrem Bann. Da sehe ich ein Pärchen, vielleicht Ende Zwanzig. Es sitzt mir in der S 41 gegenüber. Ich bin mir sicher, dass es auf der IFA war. Die beiden sind in einen Prospekt vertieft: Von Hochdruckeinigern der Marke Kärcher.

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