Auf den Straßen von Detroit

„Our journey is not complete until all our children, from the streets of Detroit (…), know that they are cared for, and cherished, and always safe from harm“, sagte US-Präsident Obama, als er seinen Amtseid schwor. Detroit als Ort, an dem Kinder nicht sorgenfrei aufwachsen.

Detroit gilt als eine der gefährlichsten Städte der USA. Hunderttausende sind weggezogen, ganze Wohnviertel verfallen. Doch es gibt sie, die Detroiter, die The D lieben. Und Besserung sehen. Wie Rodney, der Securitymann. Wie Christopher, der Landschaftsgärtner, weil er seinen Job verlor. Wie Joe, der Besucher durchs Ford-Museum führt. Und wie Kimberlia, die einst aus Kanada herzog, und die Stadt nicht verlassen will.IMG_4203

Die vier erzählen am Rande der Detroit Auto Show von ihrem Leben in der Stadt.„That’s The D, man“

Rodney sitzt in einem weinroten Van, die Scheibe heruntergekurbelt, in der Hand ein Bündel Dollarnoten. „Man, wenn ich nicht hier wäre, würden die Diebe kommen“, sagt er und schickt ein dreckiges Lachen hinterher. „That’s Detroit, Man.“

„Security“ steht auf Rodneys Schildkappe, er ist der Wachmann auf diesem kleinen Parkplatz, der allenfalls 30 Autos fasst. Was diesen Ort besonders macht, ist die mächtige Ruine, die in wenigen hundert Metern aufragt: die Central Station.

IMG_5004Einst einer der größten Bahnhöfe Nordamerikas, rottet das Gebäude seit zwei Jahrzehnten vor sich hin. Wenige Güterzüge schieben sich heute hinter dem Bau über die Schienen. Für Viele symbolisiert die Central Station den Niedergang Detroits. Reiseführer nennen ihn eine der Attraktionen der Stadt.

Doch es sind nicht die Mietwagen von Touristen, die Rodney an diesem Tag bewacht, sondern die von Detroitern, die in einem kleinen Lokal an der Ecke zu Mittag essen. Drei Dollar ist ihnen Rodneys Wachdienst wert.

IMG_5143Rodney, so gefährlich kann es hier nicht sein! „Doch. That’s The D, man“, sagt er. Es gibt gefährliche Typen. Nicht weit hinter den Bahngleisen fange eine unsichere Gegend an.

Einmal habe jemand versucht, von einem Wagen Reifen zu klauen. Am helllichten Tag. Rodney hat ihn in die Flucht geschlagen. „That’s The D, man!“IMG_5102

„Mein Sohn soll in Detroit aufwachsen“

Christopher Michael reißt, eine gelbe Warnweste auf dem Leib, abgestorbene Halme aus einem Beet. Einige hundert Meter Uferpromenade hat er und mit seinen Kollegen an diesem Morgen schon gereinigt. „Detroit hat einen miserablen Ruf“, sagt er und stützt sich auf seinen Rechen. Dabei gebe es diese schönen Ecken. „Der River Walk im Sommer. Wunderbar!“ Der Mann vom Bauhof gerät ins Schwärmen. Er möchte nirgends anders leben als in Detroit.

IMG_4260Dabei hätte er allen Grund, der Stadt den Rücken zu kehren: Vor vier Jahren verlor er seinen Job. Er arbeitete in Detroit in der Automobilbranche. Nicht bei den großen Drei, sondern bei einem Zulieferer. Als die Krise die Stadt erfasste, wurde er gefeuert. So fand sich der Dreißigjährige auf der Straße wieder. Einen guten Job hat er seither nicht gefunden.

Er beklagt sich nicht. „Die Arbeit macht mir Spaß“, sagt er. Frohgemut schaut Michael, die Sonnenbrille im Gesicht, in die Morgensonne, die an diesem kalten Wintertag kaum wärmt. Man würde sich nicht wundern, würde er ein Lied anstimmen.IMG_4254

„Wegziehen kommt für mich nicht in Frage“, sagt er und schüttelt den Kopf. Er will sein Glück nicht in Chicago versuchen, wie einige seiner Freunde. Er bleibt. Michael meint, hier an der Promenade den nahenden Aufschwung zu spüren. Detroit werde aufblühen. „Ich wünsche mir, dass mein kleiner Sohn hier in Detroit aufwächst.“IMG_4268

„An der Tankstelle habe ich keine Angst“

Nur der Detroit River trennt Kimberlia Kirk von ihrer Heimat. Eine Brücke führt hinüber, ebenso ein Tunnel. Doch die Kanadierin fährt allenfalls zu Familienbesuchen nach Toronto, woher sie stammt. Wegen der Krise nach Norden abhauen? „Ich liebe Detroit“, sagt die Kellnerin.

Auf der Suche nach Arbeit ist sie vor 17 Jahren in die USA gekommen – und ist geblieben. Sie mag die Leute, die Stadt. Sie hat die Liebe ihres Lebens gefunden, geheiratet. Ihre Verwandten besuchen sie gern zu Thanksgiving.IMG_4213

Seit etwas über einem Jahr arbeitet Kimberlia in der „Mercury-Bar“ an der Michigan Avenue. Die Fassade der Bar ist in modernem grau gefasst, zehn Biere gibt es vom Hahn. Zur Mittagszeit ist der Laden gerammelt voll, Leute warten, bis ein Tisch frei wird. Das wundert, liegt das „Mercury“ doch im Stadtviertel Corktown, wo die Ruine der „Central Station“ aufragt, das Symbol des Niedergangs.

„Schau die Michigan hinauf! Da haben einige Läden aufgemacht“, sagt Kimberlia. Die Ecke sei nicht mehr so marode, wie es auf den ersten Blick scheint. Leute aus anderen Viertel kämen gern auf ein Bier her. Hier eine Bar zu betreiben, habe weniger mit Mut zu tun als mit Geschäftssinn.IMG_4216

Natürlich gebe es gefährliche Ecken, die wie „Taschen“ die Stadt überziehen. Die Wahl-Detroiterin beschönigt nichts. „An manchen Tankstellen würde ich nachts nicht anhalten.“ Das Risiko, überfallen zu werden, wäre zu hoch. „Aber in dieser Gegend habe ich selbst nachts um 2 Uhr keine Angst.“

Kimberlia hat ein kleines bisschen ihrer Heimat nach Corktown gebracht. Auf der Speisekarte steht neben der lokalen Spezialität Coney Hot dogs auch Poutine, gewissermaßen die Currywurst Kanadas. „Das zeigt doch, dass ich hier bleibe!“IMG_5140

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