Die Schöne und der See

Toronto ist lebendig, geschäftig, bunt. Kurz: Wunderbar. Multikulti in Reinkultur. In der Subway von der Yonge Street ins Bloordale Village kann ich nicht widerstehen, Paare zu belauschen, die sich auf Portugiesisch unterhalten. Im kleinen Grocerystore auf der Ecke gibt es „Pao“ und „Leite“. Im Supermarkt liegt Torontos brasilianische Zeitung aus.IMG_8429Klein Portugal, klein Brasilien? Freilich, doch in den Fenstern vieler Häuser kleben kanadische Flaggen, daneben das rot-grüne und grün-gelbe Tuch Portugals und Brasiliens. In unserem Viertel wohnen zudem zahlreiche Inder. Frauen tragen Saris, einige Männer die Turbane der Sikhs. Die Menschen sind stolz auf ihre Wurzeln in aller Welt. Zugleich sind sie stolz, Kanadier zu sein.Eine Freundin hat indisch-kenianische Vorfahren, die Familie einer andere stammt aus der Karibik. Die Großeltern meiner Vermieterin haben Auschwitz überlebt. Alison spricht mit schroffem, schottischen Akzent, und Boris hat in Neuseeland Deutsch gelernt.

Fünf Chinatowns sind über die Stadt verstreut. Es gibt Korea-Town, natürlich Little Italy und Little India. An der Bloor Street, zwei Blocks entfernt, reihen sich Lebensmittelhändler und Restaurants aus Lateinamerika, es gibt südasiatische Roti und Karibisches. Mein Frisör stammt aus dem Iran, beim Fahrradkauf hat mich ein Vietnamese übers Ohr gehauen.DSC_3410Am Sonntag greift ein Türke im Christi Pits Park das Mikrophon, kurz bevor Wim Wenders Film „Buena Vista Social Club“ gezeigt wird, und klagt, in seinem Heimatland würden friedliche Demonstranten brutal verfolgt, sogar Hochzeitsgesellschaften. Dann tanzt er vor der Leinwand mit seiner Freundin zu Musik, die er auf einem USB-Stick mitgebracht hat. „Wir wollen heiraten“, ruft er, und die Menge klatscht.

Fraglos gibt es Stadtviertel, die Ghettos sind, wo wenig von Multikulti zu spüren ist. In Etobicokes Dixon Road leben viel Somalis, Neuankömmlinge auf der Suche nach einem besseren Leben. Doch im Viertel sind auch Dealer zuhause, es gibt Schießereien und Polizeirazzien.Vielleicht täuscht der Eindruck, doch der Anteil von Farbigen an der Bevölkerung ist gering. Als am Broadview Park gegen das Urteil im Mordfall Trayvon Martin demonstriert wird, kommen keine 100 Menschen.

Toronto, die Schöne am See. Der Lake Ontario wird zwar durch den Gardiner Expressway von der Stadt getrennt, jahrzehntelang hat sich die Stadt vom See abgewandt, doch heute zieht die Harbourfront vor allem Touristen zum Flanieren an. Ein Wehmutstropfen ist, dass sich Hochhäuser mit teuren Wohnungen am Queens Quay aufreihen. „Privat. Durchgang verboten“, blaffen Schilder.DSC_6483Hinterm Hotel Westin Harbour Castel mit seiner am Ufer hörbar lärmenden Klimaanlage legen die Fähren zu den Toronto Islands ab, von denen später noch die Rede sein wird. Am kleinen, feinen und etwas versteckten Sugar Beach stehen Sonnenschirme im Sand, und sind die Nächte lauschig. Leider gibt es keine Bar.

Im Osten der Stadt zieht sich der Waterfront Trail über Kilometer an den Beaches entlang, Sandstrand vom Feinsten. Bis zu der Stelle, wo die weißen Felsen der Bluffs von Scarborough steil aufragen. Hier findet die Natur Schutz und Boote Grund zum Ankern.DSC_6715Der Tommy Thompson Park sticht wie ein dürrer, krummer Finger in den See. Tonnenweise wurde hier Schutt ins Wasser gekippt, der zum Teil vom Bau der U-Bahn stammt. Toronto träumte davon, eine der bedeutendsten Hafenstädte an den Großen Seen zu werden, und begann, Hafenbecken zu bauen.

Große Schiffe machten freilich nie fest – und die Halbinsel wandelt sich zum Ökotop – das freilich nur an Wochenenden zugänglich ist, weil werktags noch immer die Laster Bauschutz verklappen.IMG_2430Gehen die Torontians an den See, wählen sie häufig eine der drei Fähren zu den Islands. Wie eine Sichel liegen die vor der Stadt im Lake Ontario. Am Südufer fallen Sandstrände – einer für Nudisten – sanft ins Wasser ab. Kinder fordern quengelnd Bieberschwänze, eine Art Waffel. In den Marinas schaukeln Segelboote, auf der winzigen Algonquin Island leben Künstler und Nonkonformisten. Angeblich laufen die Mietverträge 99 Jahre – Investoren haben keine Chance, sich ein Flecken Insel einzuverleiben.

Honest Ed’s will ich nicht vergessen. Seit 65 Jahren schleudert der Billigheimer Waren  unters Volk: Von Katzenfutter bis zum BH. Berühmt wurde Kaufmann Ed Mirvish, als er begann, zu Weihnachten Truthähne zu spendieren. Abends erstrahlt der beliebteste Ramschladen der Nation im Licht tausender Glühbirnen und versucht, ein bisschen Las Vegas in die Annex zu zaubern. Doch der Sohn von Ed, der ehrlichen, leider verstorbenen Haut, will den Laden verkaufen. Schließlich ist Parzelle an der Kreuzung Bloor und Bathurst ein Filetstück und geschätzte 100 Millionen Dollar wert.DSC_6599Investoren hocken in den Startlöchern, um dort einen neuen Wohnturm mit Luxuswohnungen zu bauen. Schon heute drehen sich in Toronto mehr Baukräne als in jeder anderen Stadt Nordamerikas. Interessenten dürften sich um Ed’s Ecke reißen. Toronto boomt. Mietpreise schnellen in die Höhe.

Mehr als eine Kellerwohnung kann ich mir in der schönen Stadt am See nicht leisten. Seeblick? Nö. Muss auch nicht.DSC_3350

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